Israels Erdgasboom – Erster Schritt zur Energiewende oder fossile Falle?

Israels Erdgasboom – Erster Schritt zur Energiewende oder fossile Falle?

Oil Platform. Creator: Selbe Lynn. Creative Commons License LogoThis image is licensed under Creative Commons License.

Die Energieversorgung Israels war seit der Staatsgründung von der Nutzung fossiler Energieträger und einer Importabhängigkeit aufgrund mangelnder eigener Ressourcen geprägt. Verschärft wurde die Situation zudem durch die politische Isolation Israels, die Kooperationen mit den Nachbarstaaten lange Zeit unmöglich machte und die Energiesicherheit gefährdete. So war auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts Israels Energiesystem zu großen Teilen abhängig von Kohle, die zudem fast vollständig importiert werden musste. Die Entdeckung der riesigen Erdgasvorkommen Leviathan und Tamar im Jahr 2009 mit einem Gesamtumfang von knapp 700 Milliarden Kubikmetern Gas hat das Energiesystem des Landes nun grundlegend verändert. In wenigen Jahren hat sich Erdgas zur wichtigsten Energiequelle entwickelt und wird aller Voraussicht nach auch in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung gewinnen.

Erdgasnation Israel

Die Erdgasfunde und ihre Nutzung haben Konsequenzen weit über den Energiesektor hinaus. So besteht in der Regierung die Hoffnung, dass eine sichere und verlässliche Versorgung mit Erdgas das Land erstmals energieautark machen könnte, eine sicherheitspolitisch höchst bedeutsame Errungenschaft. Daneben ist auch eine Stärkung der Wirtschaft zu erwarten, da die Strompreise sinken und zusätzliche Einnahmen durch den Export erzielt werden sollen. So wird bereits heute Erdgas nach Jordanien geliefert und weitere Verhandlungen über Pipelines beispielsweise in die Türkei und die EU laufen.

Doch auch umweltpolitisch birgt die Umstellung von Kohle- auf Erdgasverstromung große Potentiale, da der Effizienzgrad von Erdgas deutlich höher und die Treibhausgasemissionen bei der Energiegewinnung niedriger sind als bei Kohle oder Erdöl. Somit würde eine weitere Zunahme der Stromgewinnung aus Erdgas einen signifikanten Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz in Israel leisten. Dieser würde zusätzlich von der von Energieminister Yuval Steinitz kürzlich wieder bekräftigten Abkehr von bereits geplanten Kohlekraftwerken verstärkt. Auch in der Strategie der Regierung eine „Verkehrswende“ durchzuführen kommt der Erdgasnutzung eine zentrale Rolle zu. Ein Schlüsselelement dieser Politik ist die Entwicklung neuer Antriebssysteme, die anstelle von Öl auf Erdgas oder Strom basieren. Damit soll auch die Abhängigkeit von Ölimporten wie die Luftverschmutzung und Klimaschäden reduziert werden. Neben Lastwägen und Bussen sollen mittelfristig auch PKWs mit „Compressed Natural Gas“ (CNG) betrieben werden können. Die Hoffnung dabei ist, dass Israel zu einer weltweiten Innovationstriebkraft im Bereich von nachhaltigen Transport- und Antriebssystemen wird.

Verführerisches „Weiter So“

Somit bieten die Erdgasfunde ohne Frage große Chancen für Israel, auch im Bereich von Umwelt- und Klimaschutz. Dabei darf allerdings nicht vergessen werden, dass Erdgas als Energie- und Treibstoffquelle zwar Vorteile gegenüber Kohle und Öl besitzt, aber dennoch ein endlicher fossiler Energieträger bleibt, der schädlich für Umwelt und Klima ist. Dementsprechend birgt die Fokussierung auf Erdgas die Verlockung sich den eigenen Paris-Zielen anzunähern ohne grundlegende und notwendige Änderungen im Energie- und Mobilitätssektor vorzunehmen und folglich die vorherrschenden fossilen Pfadabhängigkeiten weiter zu vertiefen.

Denn obwohl Israel beispielsweise ein enormes Potential für die Gewinnung von Solarenergie besitzt und Studien sogar davon ausgehen, dass die nationalen Ausbauziele für Solarenergie alleine durch Photovoltaik-Anlagen auf Dächern erreicht werden können, liegt der Anteil an Erneuerbaren Energien im Strom-Mix weiterhin bei unter drei Prozent. Ebenso fristen Elektroautos ein Nischendasein, trotz der prinzipiell guten geographischen Voraussetzungen aufgrund Israels relativ geringer Größe. Diese würde die notwendige Reichweite der Elektrofahrzeuge reduzieren und die Bereitstellung einer flächendeckenden Infrastruktur mit Ladesäulen begünstigen. So bleibt der Transportsektor geprägt von fossilen Antriebssystemen und Individualverkehr mit all ihren negativen Konsequenzen wie Luftverschmutzung, Klimaschäden und Flächenverbrauch. Die Nutzung von Erdgas könnte als Feigenblatt dienen, um Emissionen zu reduzieren ohne strukturelle Änderungen vorzunehmen. So lobte auch Minister Steinitz die Potentiale von erdgasbetriebenen Fahrzeugen auf dem „Fuel Choices and Smart Mobility Summit“, einer der führenden Konferenzen für nachhaltige Mobilität in Israel als zentralen Lösungsansatz im Transportsektor, während tiefgreifendere Änderungen wie die Reduzierung des Individualverkehrs keine Erwähnung fanden.

Erdgas als Übergangslösung

Durch die Erschließung der großflächigen Erdgasfelder und der Umstellung des Energie- und Transportsektors auf diesen Rohstoff sind in Israel mittelfristig positive ökonomische wie auch sicherheits- und klimapolitische  Entwicklungen zu erwarten. Dabei darf aber nicht aus den Augen verloren werden, dass auch Israel sowohl aus wirtschaftlichen als auch aus klimapolitischen Gesichtspunkten einen Energie- und Transportsektor benötigt, der auf erneuerbaren Energien basiert. In dieser Übergangsphase kann Erdgas einen wichtigen Beitrag leisten, da beispielsweise Erdgaskraftwerke flexibler ihre Produktion an die schwankende Erzeugung von erneuerbaren Energien anpassen können.

Es ist allerdings zu befürchten, dass die ohnehin zaghaften Schritte hin zum Ausbau erneuerbarer Energien durch den Erdgasboom weiter in den Hintergrund gedrängt werden und somit die notwendige Wende in Israels Energiesektor weiter in die Zukunft verlegt wird.

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