Eskalation am Tempelberg: Ein Konflikt ohne Gewinner

Eskalation am Tempelberg: Ein Konflikt ohne Gewinner

Dome of the Rock as seen from Mount of Olives.. Creator: Dennis Jarvis. Creative Commons License LogoThis image is licensed under Creative Commons License.

Eskalation am Tempelberg: Ein Konflikt ohne Gewinner

Dass politische Entscheidungen, die den umkämpften Tempelberg betreffen, beinahe zwangsläufig Kontroversen auslösen, dürfte Entscheidungsträgern in Jerusalem schon lange bekannt sein. Doch der tödliche Angriff auf zwei israelische Polizisten am 14. Juli stellte die israelische Regierung vor ein besonderes Dilemma. Seit der Ermordung des jordanischen Königs Abdullah vor fünfzig Jahren, war auf dem Gelände des Tempelbergs kein Anschlag verübt worden. Jetzt, im Nachspiel der grausamen Attacke auf zwei israelische Polizisten auf dem Tempelberg, drängten sich abrupt zwei konkurrierende Prioritäten in den Vordergrund: Den für alle abrahamischen Religionen heiligen Tempelberg vor weiteren Attentaten zu schützen und gleichzeitig eine Eskalation des ohnehin schon aufgeheizten Konflikts zwischen dem Staat Israel und der islamischen Welt zu vermeiden.

Die israelische Regierung entschied sich zunächst für Sicherheit; die Al Aqsa Moschee wurde kurzfristig geschlossen und Metalldetektoren wurden vor den Eingängen des Tempelberggeländes installiert, immerhin waren die Waffen für den Anschlag zuvor auf dem Tempelberg versteckt worden. Der Aufschrei ließ nicht lange auf sich warten. Neben Entsetzen über die neuen Sicherheitsmaßnahmen seitens Hamas und dem nördlichen Flügel der islamischen Bewegung in Israel, hagelte es Kritik von der jordanischen Waqf, den religiösen und defacto zivilen Verwaltern des Tempelbergs, und vom türkischen Präsidenten Erdogan. Gleichzeitig setzte sich in den Siedlungsgebieten und in Jordanien die Gewaltspirale fort. Dann kam der Rückzug: Über Nacht verschwanden die Metalldetektoren. Es blieb das Versprechen der israelischen Regierung, statt der Detektoren alternative fortgeschrittene Sicherheitstechnologien zum Schutz vor Übergriffen anzuwenden. Doch diese Maßnahme wurde kaum als Entgegenkommen gewertet: Ikrema Sabri, der Anführer des höchsten islamischen Komitees der Stadt Jerusalem, rief dazu auf, die Moschee weiterhin nicht zu betreten. Als Israel auch diese letzten Sicherheitsmaßnahmen zurücknahm, sprachen sich Ikrema Sabri und die Waqf endlich auch für die Normalisierung der Gebetsrituale auf dem Tempelberg aus. Trotzdem war der erste Freitag nach dem Entfernen der Sicherheitsmaßnahmen, der von tausenden Palästinensern genutzt wurde um zum Beten nach Al Aqsa zurückzukehren, wieder von Gewalt gezeichnet. 

Im Grunde ist diese Eskalation das jüngste Kapitel in einem andauernden Souveränitätsstreit um den Tempelberg, und somit um die drittwichtigste Moschee im Islam und einen heiligen Ort für Juden und Christen. Seit 1967 kontrolliert die israelische Polizei faktisch die Sicherheit des Tempelbergs. Jedoch ist seit dem Friedensabkommen zwischen Israel und Jordanien im Jahre 1994, die jordanischen Waqf mit der zivilen und religiösen Verwaltung des Tempelbergs befugt. So haben alle Religionsgruppen gleiche Besuchsrechte für den Tempelberg, doch dürfen dort nur Muslime offen beten. Obwohl keine Partei offenkundig mit diesem Status Quo zufrieden ist, erkennt insgeheim jede den bislang funktionierenden Kompromiss an.

Vor dem Hintergrund dieser wackligen Übereinkunft kann die jüngste Eskalation für alle Beteiligten als Niederlage gesehen werden:

Für Jordanien und die von dort finanzierte Waqf legte der Konflikt schonungslos offen, wie eingeschränkt der Einfluss des Landes über das Geschehen am Tempelberg tatsächlich ist. Zwar hatten sie im Vorfeld stillschweigend der Verwendung von Metalldetektoren zugestimmt. Dennoch stellte die einseitige Installation durch Israel einen Gesichtsverlust für sie dar, der durch den öffentlichen Aufruhr in Jordanien über die Schließung des Tempelbergs gestärkt wurde. Die Verhandlungen zwischen Premier Netanjahu und König Abdullah dem Zweiten bewirkten zwar den Rückzug der Metaldetektoren und die Lösung der zusätzlichen diplomatischen Krise, die auf einen Anschlag auf die israelische Botschaft in Amman folgte. Jedoch muss sich das Königshaus weiterhin um unzufriedene Palästinensergruppen sorgen, die sich vom Jordanischen Königshaus nicht immer gut repräsentiert fühlen. 

Für die arabische Bevölkerung Israels ist der Anschlag auf dem Tempelberg selbst ein Desaster. So ermordeten die zwei arabisch-israelischen Attentäter zwei Polizisten die selbst Mitglieder einer Minderheit in Israel waren, der Drusen. So schadete der Anschlag der Hoffnung auf erhöhte Einheit in der israelischen Minderheitsgesellschaft, was im Streit um Gleichberechtigung mit der jüdischen Mehrheit in Israel zweifellos nachteilig ist.

Palästinensische Gruppen um Hamas und den nördlichen Flügel der islamischen Bewegung in Israel versprachen sich von der Schließung des Tempelbergs und den neuen Sicherheitsvorkehrungen einen großen Mobilisierungserfolg. So glühten die digitalen sozialen Netzwerke mit kämpferischen Aussagen und Aufrufen zum Protest. Doch trotz der erhofften Unterstützung blieben die Proteste großteils überschaubar. Echte Begeisterung der palästinensischen Bevölkerung Jerusalems, über das Entfernen der Sicherheitsmaßnahmen ist jedoch nicht abzustreiten, wie die Szenen euphorischen Jubels beim Abbau der Detektoren zeigt. 

Selbst der türkische Präsident Erdogan konnte sich bislang nicht als Gewinner feiern. Anhand einer Mischung aus neoosmanischen, nationalistischen und islamistischen Ambitionen hatte Erdogan durch reißerische Kommentare versucht, sich selbst als Verteidiger Al Aqsas und als Führer der weltweiten Gemeinde der Muslime zu profilieren. Damit verursachte er internationale Schlagzeilen, hatte sonst jedoch keinen spürbaren Effekt auf das eigentliche Geschehen am Tempelberg. Manche Kommentatoren mahnten stattdessen, dass Erdogan sich selbst zurückhalten müsse, um die wirtschaftlichen Interessen der Türkei in Israel nicht zu gefährden.

Die Fehltritte und Misserfolge der anderen Parteien sollen nicht suggerieren, dass sich die Netanjahu Regierung im Umgang mit der Tempelberg Krise richtig verhalten habe. Im Gegenteil, Netanjahus Versuch, die Entscheidung über die Metalldetektoren als Zuständigkeit der Sicherheitsbehörden abzutun und damit zu entpolitisieren, war letztendlich die effektive Verweigerung einer politischen Entscheidung. Der Rückzug der Metalldetektoren wurde von einer Mehrheit der Israelis als Kapitulation gesehen, von der Netanjahu versucht mit kampflustiger Rhetorik über eine Ausweitung der Todesstrafe abzulenken. 

Trotz Netanjahus Fehltritten ist es wichtig anzuerkennen, dass aus dieser Krise keine Partei als Gewinner hervorgeht. Derweil schadet die Absicht vieler Parteien von der Eskalation profitieren zu wollen, dem fragilen Kompromiss, auf den sich die Verwaltung des Tempelbergs stützt. Es bleibt zu hoffen, dass durch mehr Zusammenarbeit und inklusivem Dialog zwischen den Parteien zukünftige Konfrontationen an diesem hochgeschätzten Ort effektiver und zielstrebiger bewältigt werden.

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