Mauern im Kopf: Amerikanische und israelische Juden streiten um die Klagemauer

Mauern im Kopf: Amerikanische und israelische Juden streiten um die Klagemauer

Men and women praying together at the Western Wall in Jerusalem. Creator: OSU Special Collections & Archives : Commons. Creative Commons License LogoThis image is licensed under Creative Commons License.

Eigentlich hätte alles anders kommen sollen. Fünfzig Jahre nach dem Sechs-Tage-Krieg und der Eroberung Ost-Jerusalems durch Israel haben Kontroversen über das wichtigste Wahrzeichen des jüdischen Glaubens, die Klagemauer, einen neuen Höhepunkt erreicht. Gegenüber stehen sich die ultra-orthodoxe jüdische Fraktion, die entscheidenden Einfluss auf Premierminister Benjamin Netanjahu ausübt, und liberale, konservative jüdische Gruppen, die von einflussreichen amerikanischen und internationalen Lobbygruppen wie dem American Israel Public Affairs Committee (AIPAC) und der Jewish Agency (JA) unterstützt werden. Dieser Konflikt zeigt die drastischen Unterschiede zwischen den verschiedenen Glaubensrichtungen innerhalb des Judentums und Zwischen den Jüdischen Gemeinden in Israel und den USA. Liberale und konservative jüdische Gruppen akzeptieren großteilig die Vielfalt innerhalb des jüdischen Glaubens und tolerieren, zum Beispiel, das Frauen neben Männern an der Klagemauer beten. Für die ultra-orthodoxe jüdische Fraktion sind solche Gebetsrituale absolut tabu. Dieser interkonfessionelle Streit droht der Netanjahu Regierung zu schaden und bietet dabei einen tiefen Einblick in die Israelische Politikdynamik. 

Auf den ersten Blick geht es dabei um eine kontroverse Entscheidung Netanjahus vom 25. Juni:  Darin ordnete der Premier an, das sogenannte Klagemauer-Abkommen, das im Januar 2016 verabschiedet wurde, einzufrieren. Dieses Abkommen versprach eine Ausweitung des Abschnittes der Klagemauer, der nicht von der orthodoxen Fraktion unter Rabbiner Shmuel Rabinowitz verwaltet wird. Im Gegensatz zum Rest der Klagemauer, wo die oft strengeren Regeln der ultra-orthodoxen Glaubensrichtung gelten, können in diesem Abschnitt Männer und Frauen gemeinsam beten. Des weiteren sah das Abkommen ein interkonfessionelles jüdisches Komitee zur Verwaltung des nicht-orthodoxen Mauerabschnitts und einen geteilten Eingang für die orthodoxen und nicht-orthodoxen Mauerabschnitte vor. Trotz großer Hoffnungen für mehr Pluralismus in Bezug auf die Auslebung des jüdischen Glaubens in Israel wurde das Abkommen bisweilen noch nicht implementiert – vor allem aufgrund wachsender Kritik aus dem orthodoxen Lager. 

Dabei ist das geschlechtergetrennte Beten an der Klagemauer historisch gesehen eine relative Neuigkeit. So beteten Männer und Frauen im 19. und selbst im frühen 20. Jahrhundert gemeinsam an der Klagemauer. Erst als das israelische Militär die Administration der Klagemauer im Jahre 1967 an das Ministerium für religiöse Angelegenheiten übergab, wurde eine Trennwand errichtet, die in den Folgejahren stetig wuchs. Gleichzeitig nahm zu diesem Zeitpunkt auch die Kontrolle der ultra-orthodoxen Fraktion über die Klagemauer und dort zulässige Gebetspraktiken zu. In Anbetracht dieser Entwicklung bestanden liberale, konservative Gruppen weiterhin darauf, auf ihre eigenen Glaubensrituale an der Klagemauer auszuüben. 

Der nun entflammte Konflikt über das Klagemauer-Abkommen und die Nutzung der Klagemauer ist beispielhaft für einen weiteren Trend in der israelischen Politik. Da keine Partei in der Knesset die absolute Mehrheit besitzt, ist Likud als die größte Partei (mit ca. 23% Wahlunterstützung) abhängig von ultra-orthodoxen und rechtskonservativen Parteien. Die daraus entstandene Koalition verfügt nur über eine knappe Mehrheit und kontrolliert lediglich 66 der 120 Sitze in der Knesset. Zwar genießen diese Nischenparteien nur begrenzte Wahlunterstützung (je ca. 5-7% in den Wahlen 2015), doch schaffen sie es dennoch, die legislative Agenda zu dominieren, da die Likud auf ihre Beihilfe angewiesen ist. So wurden beispielsweise staatliche Stipendien für ultra-orthodoxe Rabbinerschulen seit 2014 mehr als verdoppelt. Darüber hinaus wurden Ausnahmen für ultra-orthodoxe Juden von in Bezug auf das akademische Kerncurriculum und die Wehrpflicht festgelegt. Gleichzeitig werden ultra-orthodoxe Deutungshoheiten durch den Streit um ein strengeres Arbeitsverbot am Sabbat und ein strengeres Konversionsgesetz, das orthodoxen Rabbinern mehr Kontrolle über die Anerkennung konvertierter Juden gibt, aufrechterhalten. In dieses Muster, nach dem die Deutungshoheit der Ultra-orthodoxen über viele Aspekte des jüdischen Glaubens bewahrt wird, passt auch das jüngste Einfrieren des Klagemauer-Abkommens.

Der Einfluss der orthodoxen Fraktion innerhalb Israels steht im Kontrast zu dem der meist liberal, konservativ eingestellten internationalen und amerikanischen jüdischen Organisationen wie AIPAC und der JA. Diese spiegelt Dynamik gravierende Unterschiede in der Auslegung des Judentums in je Israel und den USA: So zeigte ein Bericht des Pew Research Centers, dass in den USA nur 10% der Juden sich selbst als Orthodox identifizieren, während in Israel 22% diese Glaubenshaltung annehmen. 35% der amerikanischen Juden identifiziert sich als liberal, reform-orientiert, und 18% als nicht-orthodox, konservativ. Im starken Kontrast sehen sich nur 3% der israelischen Juden als reform-orientiert und 2% als konservativ. Diese Gegensätze erklären warum das Einfrieren des Klagemauer-Abkommens einen Aufruhr in den USA verursachte während in Israel vor allem die amerikanische Reaktion Aufsehen erregte. So vertreten die meisten amerikanischen jüdischen Organisationen eine pluralistische Haltung, die verschiedene Gebetspraktiken als legitim anerkennt. Diese Haltung ist bedingt durch den Status als religiöse Minderheit in den USA, die ein Interesse an allgemeiner religiöser Toleranz hat. Im Gegensatz dazu ist der jüdische Glaube in Israel Mehrheitsreligion und somit nicht im gleichen Maße von religiösem Pluralismus abhängig. Im Gegenteil: die ultra-orthodoxe Fraktion profitiert von der Monopolisierung des jüdischen Glaubens in Israel und wird darin aus politischen Gründen von der Likud gestärkt. Jüngstes Beispiel dieses Monopols Anspruchs war eine 160 Namen lange Blacklist, mit der das Orthodoxe israelische Staats Rabbinat ausländische Rabbiner denunzierte.  

Netanjahus Regierung riskiert durch die jüngste Konfrontation mit den amerikanischen und internationalen jüdischen Lobbygruppen allerdings, sich selbst zu schaden. Das rechte politische Spektrum in Israel genießt grundsätzlich höheres öffentliches Vertrauen in ihre Kompetenz in Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik als die linksorientierten Parteien. Auch die amerikanischen Lobbygruppen stehen generell hinter der Außenpolitik der Likud. Doch Israels ultra-orthodoxe Innenpolitik verursachte einen Aufschrei bei den internationalen Unterstützern des Landes. Zwar ist es unwahrscheinlich, dass die internationalen jüdischen Gemeinden ihre materielle Unterstützung für Israel aufgrund der aktuellen Streitigkeiten spürbar reduzieren werden. Dennoch ist gut möglich, dass strenge Kritik an den Entscheidungen von Netanyahu und der Likud von einflussreichen Stimmen aus dem Land, das den wichtigste Verbündeten und Garanten der Sicherheit Israels darstellt, dem öffentlichen Vertrauen in die Likud schaden könnte.

So kritisierte neben der Jewish Agency auch der amerikanische Kongressabgeordnete Jerrold Nadler den Beschluss, das Klagemauer-Abkommen einzufrieren, als eine Beleidigung aller jüdischen Gemeinden. Der Immobilienmogul und Philanthrop Ike Fischer suspendierte sogar seine finanzielle Unterstützung für Israel und seine Teilnahme an AIPAC. Auch der amerikanische Sondergesandte für Israel, David Friedmann, bestätigte, dass eine wichtige jüdische Organisation beabsichtige, ihre Unterstützung für Israel zu überdenken.

Solch scharfe Kritik von traditionellen Verbündeten bezeugt die zunehmenden Reibungen zwischen den liberaleren Werten der jüdischen Gemeinden in den USA und der israelischen Koalition zwischen Likud und den ultra-orthodoxen Parteien. Die Erosion der Einheit innerhalb der jüdischen Gemeinde wurde unlängst selbst vom israelischen National Security Council als Verlust eines strategischen Sicherheitsvorteils eingeschätzt. Falls diese Unstimmigkeiten auch vom israelischen Volk als Sicherheitsrisiko eingestuft werden, beispielsweise weil es das Bündnis mit den amerikanischen Partnern infrage stellt, könnte dies eine weitere Herausforderung für die Regierung Netanjahus darstellen.

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage: was wird aus dem Klagemauer-Abkommen? Trotz Netanjahus Beteuerungen, dass einige Teile des Abkommens lediglich eingefroren wurden, um den Rest der Vereinbarung voran zu bringen, scheint es nach achtzehn Monaten Stagnation unwahrscheinlich, dass das Abkommen bald umgesetzt wird. Somit bleibt nicht-orthodoxen Juden nur der indirekte Weg ihre Ambitionen für die Nutzung der Klagemauer durchzusetzen. Wie mehrere israelische Politiker zugegeben haben, ist es oft einfacher, politische Veränderung durch sich langsam entwickelnde, informelle Regeln zu erreichen. Dieser informelle Weg bietet jedoch weder die Sicherheit noch die Anerkennung, die ein Gerichtsurteil oder eine Gesetzesänderung mit sich bringen würde, und dürfte somit kaum als zufriedenstellend erachtet werden. 

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